Was am 4. Oktober 1977 mit 17 eisenbahnbegeisterten Gründungsmitgliedern begann, ist heute ein lebendiger Verein mit einem betriebsfähigen 10-Wagen-Zug, einer historischen Dampflok von 1916 und einer Heimat am Niederrhein. Eine Reise durch fast fünf Jahrzehnte Vereinsgeschichte.
Meilensteine im Überblick
- 1977Gründung des Vereins am 4. Oktober durch 17 Eisenbahnfreunde.
- 1978Die Dampflok HSW 1 (Henschel, Baujahr 1916) kommt nach Wesel.
- 1979Erste öffentliche Sonderfahrten mit Personenbeförderung zwischen Wesel und Drevenack.
- 1981Schritt ins Dampfzeitalter: erste Dampfzugfahrt zum 125-jährigen Streckenjubiläum Köln–Amsterdam.
- 1983Umzug in den Bahnhof Wesel auf Einladung des Bahnhofvorstands Theo Klingenberger.
- 1984Die „Donnerbüchsen“ HSW 17 und 18 kommen aus Weiden – Grundlage des heutigen Zugverbands.
- 1985Im Jubiläumsjahr „150 Jahre deutsche Eisenbahn“ wächst die Fahrzeugsammlung deutlich.
- 1992Der Kessel der Dampflok HSW 1 wird im RAW Meiningen neu hergestellt.
- 1999„Bahnhöfe 2000″: Die Suche nach einem neuen Standort beginnt.
- 2004Bürgermeisterin Ulrike Westkamp macht den HSW zur Chefinsache.
- 2007Die NRW-Stiftung fördert den Standortwechsel mit 60.000 €.
- 2008Unterzeichnung der Verträge – Umzug an die Römerwardt.
- 2010–2015Restaurierungen mehrerer Güter- und Personenwagen im Rahmen von CJD-Förderprojekten.
- heuteRund 80 Mitglieder, davon etwa 20 aktiv. Der Zug fährt das ganze Jahr.
Die Anfänge
1977 – 1980
Am 4. Oktober 1977 trafen sich 17 Eisenbahnfreunde, um den Historischen Schienenverkehr Wesel e. V. zu gründen. Die Zielsetzung war schnell formuliert: Neben der Förderung des gemeinsamen Hobbys Modelleisenbahn sollten vor allem historische Schienenfahrzeuge erhalten und betrieben werden.
Im Anfang war nur viel Idealismus, kein Geld – und eine 20 Tonnen schwere Dampflokomotive. Dank der Hilfe des Weseler Unternehmers und Schirmherrn Siegfried Landers gelang es, die im Jahre 1916 von Henschel & Sohn in Cassel gebaute Lok aus Remscheid nach Wesel zu bringen. Am 18. September 1978 wurde sie mit einem Autokran abgeladen. Die Maschine erhielt die Vereinsnummer HSW 1.
[Foto: HSW 1 wird in Wesel abgeladen, 18. September 1978]
Wenige Tage später, im September 1978, kam der Personenwagen Nr. 6 der Moerser Kreisbahn dazu – ein Wagen, der 1908 von Van der Zypen & Charlier in Cöln gebaut worden war. Als HSW 10, der „Moerser“, wurde er das erste Stück Personenbeförderung des Vereins. Mit ihm fuhren wir am 7. Oktober 1979 unsere allerersten öffentlichen Sonderfahrten von Wesel nach Drevenack – gezogen von der Kleinlok des Bahnhofs Wesel.
Schon 1979 versuchten wir, im Übergabebahnhof der Stadtwerke Wesel ein dauerhaftes Domizil zu finden. Ein Teil der Sammlung stand auf Gleis 4, das wir von der Stadt angemietet hatten. 1980 kam mit dem Packwagen HSW 11 – Baujahr 1883, also älter als jedes Vereinsmitglied – ein einzigartiges Stück Eisenbahngeschichte hinzu.
Schritt ins Dampfzeitalter
1981 – 1985
Mit Dampflok, Personenwagen und Packwagen wagte der Verein am 17. und 18. Oktober 1981 den Schritt ins Dampfzeitalter. Anlass war das 125-jährige Streckenjubiläum der Eisenbahnverbindung Köln–Amsterdam. Zum ersten Mal fuhr ein Dampfzug des HSW auf der Weseler Hafenbahn.
1983 zogen wir auf Einladung des damaligen Bahnhofvorstands Theo Klingenberger in den Bahnhof Wesel um. Die schlechte Zugänglichkeit der Römerwardt und das gute Angebot im Bahnhof gaben den Ausschlag. Damit begannen 26 Jahre Heimat im Bahnhof Wesel. Im selben Jahr wurden vier unserer Reisezugwagen bei der Firma Kiffe in Münster hauptuntersucht – ab jetzt durfte der Verein auch auf Bundesbahngleisen fahren.
1984 trafen die „Donnerbüchsen“ HSW 17 und HSW 18 aus Weiden ein – heute Buffet- und Sitzwagen unseres Zuges und damit das Rückgrat des historischen Zugverbandes. Im Jubiläumsjahr 1985, das die Eisenbahngemeinde wegen „150 Jahre Deutsche Eisenbahn“ intensiv feierte, kamen weitere Fahrzeuge dazu, darunter der Personenwagen HSW 16 (Bauart Cd28, Baujahr 1927) und mehrere historische Güterwagen.
[Foto: Dampfzug auf der Weseler Hafenbahn, frühe 1980er Jahre]
Wachstum und erste Bewährungsproben
1986 – 1998
In den späten 1980er Jahren wuchs die Fahrzeugsammlung weiter. 1989 kam der Personenwagen HSW 20 hinzu, dessen Inneneinrichtung später bis 2006 in einer Fördermaßnahme des Arbeitsamtes am Vereinsgelände restauriert wurde. Auch zwei Plattform-Personenwagen aus österreichischen Beständen, HSW 26 und HSW 27, wurden 1994 erworben.
1992 stand ein bedeutendes technisches Werk an: Der Kessel der Dampflok HSW 1 wurde im Reichsbahn-Ausbesserungswerk Meiningen in Thüringen unter Berücksichtigung der damals neuen technischen Richtlinien neu hergestellt – bei unveränderten äußeren Abmessungen.
Mit der wachsenden Zahl der Mitglieder wuchsen auch die Anforderungen: Fahrten wurden organisiert, Fahrzeuge instand gehalten, der Betrieb professionalisiert. Bundesbahner waren die meisten Mitglieder ursprünglich nicht, aber im Laufe der Jahre wurden aus eisenbahnbegeisterten Hobbyisten Eisenbahnprofis. Mehrere junge Vereinsmitglieder wählten sogar Berufe bei der Eisenbahn.
Die Existenzfrage und ihre Antwort
1999 – 2008
1999 wurde das Projekt „Bahnhöfe 2000″ in NRW aufgelegt, das das Umfeld der Bahnhöfe verbessern sollte. Mit unseren Fahrzeugen waren wir diesen Plänen im Weg. Die Suche nach einer neuen Bleibe begann – und sollte fast ein Jahrzehnt dauern.
2004 konkretisierten sich die Pläne zur Untertunnelung des Bahnhofs Wesel. Die Sorge, von Wesel wegziehen oder die gesamte Sache aufgeben zu müssen, wurde immer größer. Im Herbst desselben Jahres wurde Ulrike Westkamp zur Bürgermeisterin gewählt – und machte den HSW zur Chefinsache. Mit Hilfe ihres Teams, der Stadtwerke Wesel und der NRW-Stiftung gelang das, was lange unmöglich schien: ein neuer, attraktiver Standort an der Römerwardt, direkt neben den denkmalgeschützten Resten der alten Rheinbrücke.
Am 25. März 2008 wurden die Verträge unterzeichnet. Die ausführliche Geschichte dieses Umzugs erzählen wir auf der Seite Standortwechsel.
Restaurierung als Daueraufgabe
2009 – heute
Mit dem neuen Standort an der Römerwardt begann eine Phase intensiver Restaurierungsarbeiten. Im Rahmen von Förderungsprojekten der Agentur für Arbeit bei der CJD Wesel (Christliches Jugenddorfwerk Deutschland) wurden mehrere Fahrzeuge wieder hergerichtet: der gedeckte Güterwagen HSW 101 (2010), der Packwagen HSW 11 (2011–2013), der Güterwagen HSW 100 (2012) und der Güterwagen HSW 104 (2013–2015).
Diese Projekte hatten doppelten Nutzen: Sie brachten historische Fahrzeuge zurück in einen vorzeigbaren Zustand und gaben gleichzeitig jungen Menschen ohne Ausbildung eine Qualifizierungschance. Eine Verbindung von Eisenbahngeschichte und sozialem Engagement, die für uns bis heute charakteristisch ist.
Der Verein heute
Heute zählt der Historische Schienenverkehr Wesel e. V. rund 80 Mitglieder, von denen etwa 20 aktiv im Betrieb mitarbeiten. Wir sind Schüler und Rentner, Berufstätige aller Art und Berufseisenbahner. Was uns verbindet, ist die Begeisterung für historische Schienenfahrzeuge.
Unser betriebsfähiger 10-Wagen-Zug bietet Platz für 233 Fahrgäste. In Wesel zieht ihn meist die Deutz-Diesellok HSW 5; die Henschel-Dampflok HSW 1 befindet sich in der Hauptuntersuchung. Auf Fernfahrten kommen Lokomotiven der NIAG zum Einsatz, die unseren Zug mit bis zu 90 km/h zu Zielen in der Eifel, im Sauerland, ans Mittelrhein, an Ahr, Mosel und Lahn bringen.
Eine Übersicht unserer Fahrzeuge finden Sie auf der Seite Fahrzeuge. Wer mehr über die einzelnen Beschaffungen und Restaurierungen unserer Sammlung erfahren möchte, kann die ausführliche Chronik der Fahrzeugbeschaffung als PDF herunterladen.
Wir freuen uns über jeden Eisenbahninteressierten, der bei uns mitmachen möchte. Mehr dazu auf der Seite Mitmachen!.